Endlich Tabellenführer – Sturmformationen

Ausgangspunkt dieser Geschichte war die Vermutung, dass man die Saisongeschichte  einer Mannschaft doch ganz gut anhand der Reihenzusammensetzungen nachvollziehen könnte. Dabei ergaben sich ein paar interessante Erkenntnisse.

Im Verlaufe einer Hauptrunde mit 52 Spieltagen variieren Coaches die Formation ihrer Angreifsreihen zwangsläufig. Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Ganz grundsätzlich  wollen sie natürlich herausfinden, welche Spieler am besten miteinander funktionieren. Zumal die Formationen ganz unterschiedliche Aufgaben haben. So gibt es welche, die eher für das Torschießen verantwortlich sind, andere sollen mehr oder weniger die beste Angriffsreihe des Gegners neutralisieren.

Eine Mannschaft muss natürlich für den Fall gewappnet sein, dass Schlüsselspieler ausfallen. In einer solchen Situation braucht man Alternativen, und nach denen sucht man nicht, wenn die Playoffs begonnen haben.

Während dies eher eine Vorbeugungsmaßnahme ist, ist ein weiterer Grund der, auf konkrete Verletzungsausfälle zu reagieren. Die sorgen häufig dafür, dass ganze Sturmreihen umgemodelt werden.

Und schließlich geht es darum, Nachverpflichtungen zu integrieren, sei es auf Grund längerfristiger Verletzungen oder um die Qualität der Mannschaft anzuheben. Auch solche Fälle sorgen dafür, dass die Architektur des kompletten Teams umgeworfen werden kann oder muss. So weit, so nachvollziehbar.

Meine Überlegung war nun, dass sich an der Häufigkeit der Veränderungen der Sturmreihen auch nachvollziehen lassen müsste, wie die bisherige Saison für die einzelnen Mannschaften verlaufen ist. Viele Verletzungen – viele Experimente. Neuverpflichtungen – Experimentierphase. Sportlicher Misserfolg – Umstellungen, Umstellungen, Umstellungen.

Also habe ich im Ausgangspunkt schlicht und einfach gezählt, wieviele unterschiedliche Sturmreihen die einzelnen Teams aufs Eis gestellt haben. Berücksichtigt habe ich dabei nur vollständige Stumreihen. Eine vierte Formation, die nur aus einem oder zwei Akteuren bestand – Notformationen – habe ich daher nicht mit in die Kalkulation einbezogen.

Immer mit vier Sturmreihen haben in dieser Saison nur Berlin und Augsburg gespielt. Wobei die Eisbären einen Sonderfall darstellen, weil Constantin Braun seit seiner Rückkehr bisher nur im Angriff eingesetzt wurde.

Was ich natürlich nicht berücksichtigen konnte, sind Formationsänderungen, die innerhalb der Spiele vorgenommen wurden. Ich beziehe mich her ausschließlich auf die offizeillen Line-ups.  Daher spielen auch Umstellungen, die in Schlussdritteln vorgenommen werden, wenn vielleicht die vierte Sturmformation gar nicht mehr zum Einsatz kommt, aus ihr eventuell nur einzelne Spieler, keine Rolle.  (Dazu ist die DEL-Statistik nicht präzise genug, und wenn, dann wäre sie sowieso geheim und nicht zugänglich. Außerem finde ich es höchst beschissen, dass die Line-up-Sheets nicht öffentlich zugänglich sind.)

Dabei ergab sich folgendes Bild nach 30 Spieltagen. (Schwenningen, Bremerhaven, Köln und Ingolstadt haben bereits 31 Spiele ausgetragen.)

Betrachten wir diese Grafik ganz naiv, ohne all die Ausfälle, den sportlichen Verlauf usw. im Hinterkopf, und werfen einen Blick auf die Extremfälle.  In Berlin, in Müchen scheint man bisher ganz zufrieden zu sein, wo stehen die eigentlich in der Tabelle? Und vergleichen wir das mit der oberflächlich betrachtet fast manischen Umstellungswut in Mannheim. Ja, ich gebe zu, das ist ein naiver Blick, aber nicht ganz.

Schauen wir uns ein paar Fälle näher an. Betrachten wir zunächst die Eisbären. Ohne Ausfälle sind die Berliner nicht. Thomas Oppenheimer (16 Spielen), André Rankel (13) und Louis-Marc Aubry (18), der inzwischen wieder zurück ist, sind Spieler, auf die Uwe Krupp lange verzichten muss(te), auf den Ausfall dieser drei Spieler reagierte er aber nicht mit Reihenexperimenten, sondern ließ Maximilian Adam, Charlie Jahnke und Sven Ziegler mehr oder weniger durchspielen. Apropos durchspielen: Auffällig bei den Eisbären, wie viel Zeit die Reihen bekommen, sich zu entwickeln. Die ersten sechs Spiele wurden mit denselben Formationen bestritten, ehe zum ersten Mal variiert wurde. Nach sechs Spielen wechselt Nick Petersen in die Reihe mit Sean Backman und James Sheppard, die seitdem nur noch getrennt werden, wenn einer ausfällt (21 Spiele mit dieser Formation). Krupp wechselt die Formationen selten, lässt sie dann über einen längeren Zeitraum zusammenspielen, erst dann passiert vielleicht etwas Neues. Das wirkt alles sehr wohl dosiert. Nur ein einziges Mal liefen die Eisbären mit Sturmformationen auf, die so nie wieder aufgeboten wurden. Am 14. Spieltag, als sie in Nürnberg 1:2 n.P. verloren, Hintergrund: Aubry hatte sich im Spiel davor verletzt.

Das heißt, sollten die Eisbären, was noch lange nicht gesagt ist, tatsächlich in dieser Saison in die Playoffs kommen, hatte Krupp die Möglichkeit, jede einzelne seiner Sturmformationen nicht nur regelmäßig, sondern immer auch über einen größeren Zeitraum zu beobachten, manchmal nur über sechs Spiele, häufig deutlich länger. Ein Nachteil ist das nicht.

Unwesentlich mehr Umstellungen gab es bisher bei Red Bull München. Das hängt mit zwei Faktoren zusammen. Die Bayern haben einen kleineren Kader mit noch jeder Menge offenen Ausländerlizenzen. Und außerdem waren die Ausfälle kürzer. (Mad Christensen fehlte fünf Spiele, Michael Wolf zwei, Steven Pinizzotto sieben, Jason Jaffray zwei, Jonathan Matumoto sechs, Dominik Kahun sieben (usw.). Das bringt zwangsläufig kurzfristige Variationen mit sich. Aber der Don hat Reihen, zu denen er immer wieder zurückkehrt. (25x Keith Aucoin, Steven Pinizzotto, Brooks Macek). Bei Ausfällen hält er die eingespielten Reihen gerne zusammen und ersetzt den Ausfall in der jeweiligen Reihe beispielsweise und am liebsten durch Jakob Mayernschein.

Tabellenführer bei den Umstellungen sind die Adler. Schon klar, warum. Marcel Goc ist zehn Spiele ausgefallen, Brent Raedke neun, Garrett Festerling sieben, Ryan Mac Murchy 19, Chad Kolarik fünf, David Wolf 20, um nur ein paar der Angreifer zu nennen, die nicht alle Saisonspiele zur Verfügung standen. Für einen Trainer ist das natürlich eine denkbar ungünstige Arbeitsatmosphäre. Deswegen sitzt Sean Simpson jetzt an der frischen Luft.

Bei den Adlern möchte ich ein bisschen weiter ausholen, damit ich fester treffen kann. Und weil sie in meinen Augen einen Sonderfall darstellen. Keine Mannschaft kommt im Laufe einer Saison um Verletzungsausfälle herum, doch das Ausmaß, das dieses Problem in Mannheim angenommen hat, ist schon auffälllig. Für manch einen mag mein nächster Punkt vielleicht weit hergeholt sein, doch ich finde ihn nicht ohne Überzeugungskraft. Dabei will ich gar nicht fragen, wie die Verletzungen im Einzelnen zustande gekommen sind. Mir geht es eher um the big picture.

Betrachten wir die nach Sonntag aktualisierte Schlussdrittelstatistik. Im letzten Spielabschnitt spielen die Adler in einer anderen Liga. Natürlich kenne ich die Laktatwerte der Adler-Spieler nicht (die gäbe es wahrscheinlich nicht einmal im verschollenen Datenarchiv, aber wer weiß?), doch in meinen Augen spielen bei einer solchen Bilanz, das ist natürlich reine Interpretation von statistischen Werten, ich weiß, ich weiß, Konditionsprobleme eine Rolle, mangelnde Fitness.  Eine Interpretation, die aber durch den Augenschein unterstützt wird, ich habe in dieser Saison schließlich genug Adler-Spiel beobachten müssen. Und jetzt kommt mein Punkt: Schlechte Fitness-Werte machen verletzungsanfällig. Das lässt für mich nur eine Schlussfolgerung zu: Die Probleme der Adler sind hausgemacht. Man hat Bill Stewart einen Block Zement vor die Füße geworfen mit der Aufforderung „Flieg!“.

Ja, Mannheim hat auch Championshockyleague gespielt, und gar nicht schlecht, aber das haben München und Wolfsburg auch.

Mit der Ankunft von Stewart ist sowas wie Konstanz in Mannheim zurückgekehrt. Er hat nämlich die letzte Startformation von Simpsons übernommen, so dass die Adler erstmals dreimal in Folge mit denselben Angriffsreihen spielen konnten! Vernünftig, sehr vernünftig. 26 Formationen bot Simpson nur ein einzige Mal auf. 26! Das lässt sich nicht alleine mit den Verletzungen oder der Nachverpflichtung von Andrew Desjardins erklären. Das ist Blinde  Kuh. Ich prophezeie mal blauäugig, dass keine Mannschaft in dieser Saison so davon profitieren wird von der Olympiapause wie Mannheim. Waldlauf, Waldlauf, Waldlauf. Und vermutlich sollte Stewart ein Olympiaverbot aussprechen.

Interessant finde ich die Entwicklung bei den Roosters, gerade auch vor dem Hintergrund des Trainerwechsels. Jari Pasanen (11 Spiele) ließ nur zwei Reihen häufiger als zweimal zusammenspielen (Costello, Turnbull, Combs und Japsers, Florek, Salmonsson), ansonsten wurde viel gewürfelt. Pasanen spielte mit 22 verschiedenen Reihen. Unter Rob Daum (19 Spiele) hat sich das Bild etwas verändert, er hat bisher auf 24 unterschiedliche Reihen zurückgegriffen.  Dabei lässt er den Reihen im Unterschied zu Pasanen auch mehr Entwicklungszeit. Nach Dienstantritt übernahm er zunächst Pasanen  Zusammenstellungen für eine Eingewöhnungsphase, um die Sturmreihen dann ohne Ausnahme umzubauen. Diese neuen Formationen bilden inzwischen sein Grundgerüst. Auch wenn die Roosters gerade drei Spiele in Folge verloren haben, scheint er doch ein besseres Auge dafür zu haben, was funktioniert.

Ich will hier gar nicht auf jedes einzelne Team eingehen, der Text ist sowieso schon so lang, dass ich bezweifele, dass ihn viele zu Ende lesen. Die vielen unterschiedlichen Formationen bei den Ice Tigers scheinen ein wenig im Widerspruch zu stehen zu meiner Vermutung, wenig Reihenwechsel, gute Saison. Aber den Franken ist das Hauptproblem, dass es ihnen immer wieder die Reihe Reimer/Reinprecht/Ehliz auseinanderreißt, Rob Wilson muss viel improvisieren. Aber Segal/Fox/Dupuis (26 Spiele) spielen immer zusammen, außer es fällt einer aus.   Die anderen Reihen werden mehr variiert, was man sich bei den Franken aber auch leisten kann. Das meiste schient zu funktionieren. Nürnberg experimentiert aus einer Position der Stärke. Bei Wolfsburg sind die Reihen mehr oder weniger vorgegeben, Veränderungen gibt es, wenn wieder ein Comebacker eingebaut werden muss, oder wie bei Kamil Kreps eine Neuverpflichtung. Dabei lässt Pavel Gross den Reihen immer mehrere Wochen Zeit für Entwicklungen.

Heiner

Quatsch, heute doch nicht.

Nachtrag: Hier habe ich mal alle Sturmreihen der Teams aufgelistet, die mindestens drei Einsätze bekamen, was die Angelegenheit noch einmal aus einem anderem Blickwinkel betrachtet.

Für den eigenen Club dürfte man die Namen, die zu den Nummern gehören, im Kopf haben, für die anderen Teams muss man halt mal in die Kaderlisten reinschauen. Aber auf ein paar Dinge möchte ich die Aufmerksamkeit lenken. Iserlohn: Wie schon angesprochen, nach der Übernahme von Rob Daum wurden praktisch alle Reihen neu zusammengestellt, man kann hier getrost von einem Reset einer kompletten Mannschaft sprechen.

Die Geschichte in Straubing hat mich ein wenig verschreckt, auf den ersten Blick entbehrt das jeder Systematik. Das sieht noch bunter aus als in Mannheim, dabei hat man die Verletzungsprobleme der Adler so überhaupt nicht. Anscheinend wird in Niederbayern von Spieltag zu Spieltag auf den Reset-Knopf gedrückt.

Überrascht hat mich Schwenningen, wo offensichtlich jeder mit jedem kann. Will Acton scheint ein Passepartout zu sein, der überall funktioniert. Der beste Schwenninger Spieler hat ganz offensichtlich keine feste Position. Und in Ingolstadt und Krefeld geht es auch recht wild zu. Wolfsburg und München sind auffällig, die auf ein festgelegtes Gerüst bauen.

Wenn ich für jeden Satz, in dem ich Mannheim schreibe, einen Euro bekäme, wäre ich ein gemachter Mann. Aber mach was.

 

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Ein Gedanke zu “Endlich Tabellenführer – Sturmformationen

  1. wenigstens in einer Disziplin – wenn’s nur nicht so traurig wär…
    Bin alleine schon deswegen auf die neue Saison gespannt, um zu erleben welcher Teil Deiner Prophezeiungen/Vorraussagen letztlich in welchem Umfang eintreffen wird.
    Dann wäre ich ja auch schön angeschmiert, wenn ich d(ies)en Beitrag nicht bis zu Ende lesen würde – klingt ja im Adler-Fall schließlich ein Fünkchen Hoffnung für die (P) PO durch.

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