Roger Federer: Auferstanden aus Ruinen

Als Roger Federer nach seinem Sieg in Dubai erzählte: “I feel my best tennis is around the corner“, dachte keiner, dass die nächste Ecke so nah wäre. In Indian Wells bestätigte er trotz seiner Finalniederlage gegen Novak Djokovic seine Topform und die Anwartschaft, wieder ganz oben anzugreifen. Die Rückkehr in die Erfolgsspur hat drei triftige Gründe.

Ob sich Roger Federer dieser Tage morgens kneifen muss, um überhaupt zu merken, dass er noch am Leben ist? Der Schmerz, im letzten Jahr noch ständiger und treuer Begleiter, ist mittlerweile verschwunden. „Ich wache auf und bin schmerzfrei“, strahlte der Schweizer in den Tagen von Indian Wells vor versammelter Pressemeute. Das war vor einem Jahr noch gänzlich anders.

Damals spielte er das Turnier trotz einer Rückenverletzung – ein Fehler, den er später im Jahr in Hamburg noch einmal wiederholte und der letztlich in Federers schlechtestes Jahr auf der ATP Tour seit 2002 mündete. Er stürzte in der Weltrangliste bis auf Platz acht ab. Die Selbstzweifel stiegen, Stimmen wurden laut, die forderten, der mittlerweile 32-Jährige möge seine Karriere doch beenden.

Doch alle, die den Federer im letzten Jahr abgeschrieben hatten, müssen mittlerweile einen großen Fehler eingestehen. Denn die in diesem Jahr gezeigten Leistungen sprechen eindeutig für Federer. „Die Kritiker haben nicht den Gesamtzusammenhang gesehen. Was war passiert, warum habe ich solange nicht gut gespielt? Man vergisst ja schließlich nicht von heute auf morgen, wie man Tennis spielt“, kritisierte der Schweizer auf seiner Pressekonferenz in Indian Wells und bewies es auf dem Platz mit Siegen über Paul-Henri Mathieu, Dmitry Tursunov, Tommy Haas, Kevin Anderson, Alexandr Dolgopolov und auch – trotz 6:3, 3:6, 6:7-Niederlage – im Finale gegen Novak Djokovic.

Vor allem im ersten Satz und bei seiner Aufholjagd im dritten brillierte der Schweizer wie zu seinen besten Zeiten. Am Ende gewann Djokovic, den Federer vor zwei Wochen bei seinem Titelgewinn in Dubai noch geschlagen hatte, genau einen Punkt mehr als sein Gegner, in allen wichtigen Statistiken lagen die Kontrahenten gleichauf. An solch engen Matches gegen die absoluten Topstars der Szene war im letzten Jahr kaum zu denken. Neun lange Monate hatte Federer keinen Top 10-Spieler schlagen können. Doch was hat sich über den Jahreswechsel geändert, was macht Federer wieder so stark?

Im Prinzip drei Dinge: Die Grundvoraussetzung ist natürlich die bereits thematisierte stabile Gesundheit. Um die herzustellen, war ein längerer Prozess nötig, in dem er seine gesamte Vorbereitungsroutine hinterfragen und umstellen musste. „Wir haben alles auf den Tisch gelegt“, erklärte er tennisnow.com, wie er mit einem Team aus Physiotherapeuten, Konditionstrainern und Ärzten einen Plan ausarbeitete, um seinen fragilen Rücken dauerhaft zu stärken. Der Erfolg blieb nicht aus und hatte enorme psychologische Auswirkungen. „Ich muss mir nicht mehr ständig Sorgen machen. Daher bin ich viel inspirierter und auch glücklicher“, so Federer.

Dazu trug auch die Zusammenarbeit mit Jugendidol Stefan Edberg bei, der Federer seit Ende letzten Jahres als Berater und Trainer zur Seite steht. „Es ist einfach toll, Zeit mit ihm zu verbringen“, erklärte Federer diverse Male. „Alleine wenn er nur über Tennis spricht, inspiriert mich das bereits.“ Vor allem sind es die praktischen Tipps, die Edberg ihm gibt – wie die Rückkehr zum Serve & Volley. Daran haben beide intensiv gearbeitet. Die aggressive Spielweise bietet einige Vorteile. Federer kann Punkte damit viel schneller abschließen, schont dabei seinen Rücken, der bei langen Grundlinienduellen deutlich mehr belastet werden würde. Abgesehen davon, dass Nadal, Murray und Djokovic ihm hier zuletzt ohnehin immer überlegen waren. Gerade der erste Satz im Indian Wells-Finale verdeutlichte, dass Federer gegen Djokovic enorm im Vorteil sein kann, wenn der erste Aufschlag sitzt und er ans Netz stürmen kann. Im zweiten Satz bekam der Schweizer dann einige Probleme mit dem Service, ging seltener ans Netz und wurde vom Serben an der Grundlinie besiegt.

Dass sein Service und die Volleys aber wieder so gefährlich sind, verdankt Federer aber nicht nur den Tipps von Edberg, sondern auch seinem Schlägerwechsel. Nachdem er schon Mitte der letzten Saison erfolglos mit einem neuen Modell experimentiert hatte, stellte er in der Saisonvorbereitung noch einmal um und entschied sich für einen Schläger mit einem deutlich größeren Kopf. Die größere Trefferfläche (98 inches) und der damit auch größer Sweet Spot verringert die Gefahr von unsauber getroffenen Bällen und reduziert dadurch die Fehlerzahl erheblich. Federer hat mittlerweile wieder mehr Kontrolle über seinen Aufschlag und auch seine Grundschläge und braucht für beides deutlich weniger Kraft – ein weiterer Schlüssel zu seiner Rückengesundheit und effektiv, um mit den präzise und kraftvoll agierenden Grundlinienspezialisten mithalten zu können.

Ein Schlag, der wie wohl kaum ein zweiter unterstreicht, wie wichtig der Schlägerwechsel für Federer war, dürfte der Rückhand-Crosscourt-Winner aus dem Viertrundenmatch bei den Australian Open gegen Jo-Wilfried Tsonga gewesen sein. „Ich glaube, ich habe ihn diesen Schlag vorher nie so ausführen sehen. Für mich hat der Schläger hier großen Anteil dran. Die hohe Rückhand musst du genau so spielen, dafür brauchst du genau so einen Schläger“, erklärte Jim Courier bei tennisearth.com. Beste Voraussetzungen für Federer, seinen Aufwärtstrend weiter fortzusetzen und nach Siegen gegen Djokovic und Tomas Berdych bald auch Andy Murray und Rafael Nadal schlagen zu können. Schmerzfrei und mit runderneuertem Equipment stehen die Chancen auch gegen diese Gegner gar nicht so schlecht – und die Einstellung stimmt sowieso: „Ich habe richtig Lust darauf, Turniere zu spielen“, kündigte Federer in Indian Wells für die nächsten Wochen an.

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Ein Gedanke zu “Roger Federer: Auferstanden aus Ruinen

  1. „Ich glaube, ich habe ihn diesen Schlag vorher nie so ausführen sehen. Für mich hat der Schläger hier großen Anteil dran. Die hohe Rückhand musst du genau so spielen, dafür brauchst du genau so einen Schläger“, erklärte Jim Courier …

    In dieser Aussage steckt so viel Begeisterung für Tennis! Toller Artikel, danke!

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