Demokratie in Krefeld

Mittlerweile dürfte jeder und jede mitbekommen haben, was zur Zeit in Krefeld los ist. Letztendlich geht es um den Fortbestand der Pinguine. Klar, dass da Emotionen im Spiel sind. Wenn man die Berichterstattung verfolgen will, ist André Derksens „Krefeld Pinguine Liveticker auf Facebook“ eine gute Anlaufstelle.

Dort bin ich auf auf einen Artikel auf RP-online gestoßen, über den ich mich extrem geärgert habe. Nicht über den Artikel selber, sondern über eine Aussage darin.

Ich habe über das Thema Mietvertrag KEV bereits einmal auf diesen Seiten etwas geschrieben, und ich will hier auch nicht behaupten, dass ich die richtige Lösung wüsste. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass auf beiden Seiten, Mieter wie Vermieter, gezockt wird. Dass keiner ohne den anderen kann, und dass das Problem aus wirtschaftlicher Sicht für beide Seiten sehr heikel ist.

Aber das hat mit dem, worüber mich mich so geärgert habe, eher wenig zu tun. Am Donnertstag fand in Krefeld eine Ratssitzung statt, bei der zahlreiche KEV-Fans anwesend waren. Man könnte es auch so ausdrücken:

– Die Sitzung war öffentlich, so ist das manchmal in Demokratien.

-Es waren zahlreiche Bürger und Bürgerinnen da, die unmittelbar betroffen waren und das auch zum Ausdruck brachten. Sowas kommt leider nicht öfters vor, weil Auswirkungen von Politik häufig nicht so unmittelbar spürbar werden, aber das ist ein anderes Thema.

Worüber habe ich mich jetzt so geärgert? Der Fraktionschef der FDP, Joachim Heitmann, kommentierte den Abend so, gekürzt, aber nicht sinnentstellt: „Ratskollegen aus den hinteren Reihen haben mir berichtet, dass sie sich von diesen lautstarken Besuchern bedrängt, ja sogar bedroht fühlten. Für mich drängten sich jedenfalls Bilder aus Wochenschauen auf, die aufgehetzte Massen zeigen.“ Diese zwei Sätze muss man zunächst noch einmal lesen und dann sacken lassen. Und wenn einem dann der Kragen nicht platzt, wann dann?

Gut, ich kann verstehen, wenn einer von der FDP drei Leute auf einen Haufen sieht, muss das auf ihn schon aus Prinzip bedrohlich wirken. Menschenmassen MÜSSEN einem Freidemokraten unheimlich sein – ist der ja nicht gewohnt – vor allem, wenn sie anderer Meinung sind. Okay, nur so kann es ja auch zu einer Masse werden.

Aber ein Nazi-Vergleich? Wirklich? Eishockeyfans und Nazis praktisch in einem Satz gleichzusetzen? Also ich habe mir den Satz ein paar Mal durch den Kopf gehen lassen. Und wenn ich „Wochenschau“ und „aufgehetzte Masse“ in einem Satz lese, läuft bei mir genau ein Bild ab: Goebbels bei seiner Sportpalastrede – ist die unmittelbare Assoziation. Ich kann jetzt nicht behaupten, dass bei Herrn Heitmann dieselben Assoziatonen mit diesen beiden Ausdrücken verbunden sind. Allerdings kann sich ja mal jeder fragen, welche Bilder als erstes durch den Kopf schießen bei „Wochenschau“ in Verbindung mit „aufgehetzte Masse“. Jedenfalls keine Wochenschau aus demokratischer Zeit.

Und daher finde ich: Übel, ganz übel, Herr Heitmann. Matchstrafe reicht da nicht. Bin mal gespannt, wo Sie nächste Saison spielen.

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10 Gedanken zu “Demokratie in Krefeld

  1. Danke Olaf für diesen Beitrag!
    Als ich den Artikel in der RP gelesen habe war ich fassungslos. An dem bewussten Tag war ich auch in der Ratssitzung gewesen und habe also die Rede des Herrn Heitmann und der anderen Ratsmitglieder live gehört. Es war sicherlich für keinen der Redner einfach in so ungewohnter Atmosphäre zu sprechen, v.a. für diejenigen die wegen der klammen Kassen mahnende Worte in Richtung KEV richteten.
    Allerdings: die Wahrnehmung des Herrn Heitmann und seiner Parteikollegen (Stichwort „Bedrohung“) ist sowas von absurd. Da fehlen mir echt die Worte.
    Ganz im Gegenteil: dafür, dass so viele Fans dabei waren (die Mehrzahl wahrscheinlich zum ersten Mal bei einer Ratssitzung) fand ich es erstaunlich diszipliniert.
    Der Sportpalastvergleich ist dann aber wirklich der Gipfel (als das Wort während der Sitzung fiel, ist es akustisch etwas untergegangen). Aber damit in der Zeitung nochmal nachzulegen…
    Vielleicht sollte man an der Stelle noch ergänzen, dass der Redner der UWG-Fraktion vorher die KEV-Anhänger sehr geschickt für seinen Vortrag instrumentalisiert hat. In Demagogie Note 1. Damit erklärt sich vielleicht auch der verbale Ausraster von Herrn Heitmann.
    Bitte nicht falsch verstehen: Eine Entschuldigung ist das natürlich nicht! Ironie, statt mit dem gleichen Prügel draufzuhauen, wäre die bessere Reaktion gewesen.

    Allerdings ist das Ganze ein gutes Beispiel dafür wie in dieser Stadt schon länger Politik gemacht wird.
    Man kann nur hoffen, dass alle Beteiligten bei der Seidenweberhaus GmbH und beim KEV sich langsam auf ihren gesunden Menschenverstand besinnen und sich auf vernünftige Weise einigen.

    Die Hoffnung stirbt zuletzt.

  2. Im Gegensatz zu manch anderen finde ich den Vergleich mit der Sportpalastatmosphäre ned wirklich so abstoßend.
    Ihr vergesst vll nur, dass diese Politiker es nicht gewohnt sind, emotionale Kundgebung die nicht ihrer eigenen Meinung entsprechen, entgegen gebracht zu kriegen. Sie sind anscheinend zu sehr an allein auftretende Lobbyisten in gemütlicher Atmosphäre gewöhnt.

    1. Nee, das geht mir zu sehr in die Richtung: „Ja, damals im Sportpalast. Eine Mordsstimmung war das.“ Das grundsätzliche Problem, dass ich mit diesem Vergleich habe, ist folgendes: Auf der einen Seite haben wir es mit einer einer grundsätzlich demokratischen Meinungskundgebung zu tun, die eher informell organisiert ist – auf der anderen Seite steht eine von vorne fanatisierte Masse in einem undemokratischen System mit organisierter Zustimmung.
      Das eher ungewöhnliche an dieser Situation, die so selten vorkommt: Politiker werden mit den Auswirkungen einer Entscheidung direkter konfrontiert als das normal der Fall ist. Das war eben keine 1. Mai-Kundgebung, die du dir hinterher im Fernsehen anguckst. Natürlich gestehe ich jedem zu, das als unangenehm zu empfinden. Wäre mir vielleicht nicht anders gegangen. Immerhin fällt auf, dass Heitmann in der Aussage danach, die ich hier zitiert habe – da war mir noch nicht bewusst, dass „Sportpalast“ tatsächlich gefallen war – „Sportpalast“ unter den Tisch fallen ließ, er wusste also, oder hatte das unbestimmte Gefühl, etwas ziemlich Dämliches – für mich immer noch Skandalöses gesagt zu haben.
      Ich erinnere mich noch gut an die Aufregung über die Aussage von Katrin Müller-Hohenstein, als sie nach einem Länderspieltor von Miro Klose davon sprach, das müsse für ihn ein „innerer Reichsparteitag“ gewesen sein. Shitstorm, dabei war das damals eine ironische Verwendung, über die ich gelacht habe. Die Aufregung damals konnte ich nicht wirklich nachvollziehen, ehrlich gesagt. War an der Grenze, aber nicht drüber hinaus, jedenfalls meinem Empfinden nach. Aber den Sportpalast so bar jeglicher Ironie zu verwenden, ich glaube, wenn das jemand im Fernsehen macht … das dürften sich wahrscheinlich nicht einmal Kabarettisten erlauben. (wahrscheinlich nicht einmal ironisch). Hat sich eigentlich Heitmann auch nur in irgendeiner Weise entschuldigt? Geht eigentlich nur durch Rücktritt. Ich bin über diese Aussage enorm verärgert, an der Grenze zur Wut. Du hast völlig recht, eine solche Konfrontation sind Politiker eher nicht gewohnt, jedenfalls nicht auf kommunaler Ebene. Aber das entschuldigt rein gar nichts.

  3. Vor dem Hintergrund, dass der gleiche Herr in der Ratssitzung schon einmal erwähnte, dass es etwas von Sportpalast-Atmosphäre habe, erscheint die Aussage zusätzlich in einem sehr schlechten Licht. Hätte man das in dem Moment noch mit den Umständen erklären können (denn entschuldigen können hätte man es auch dann nicht), so setzt die „Bestätigung“, nachdem er genug Bedenkzeit hatte, dem ganzen die Krone auf. Ganz, ganz schlechter Stil.

    1. okay, mit Sportpalast hatte er also dieselbe Assoziation wie ich, wusste nicht, dass er den Vergleich, tatsächlich den Ausdruck, schon während der Sitzung getätigt hatte. Ganz ehrlich? Ich bin verblüfft, dass es da noch keine Rücktrittsforderungen gegeben hat. Das ist kein schlechter Stil, das ist überhaupt ein Stil, das ist Schwachsinn. Als Krefelder sollte man sich überlegen, die FDP darauf zu verklagen, dass die Gelb nicht mehr verwenden dürfen

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