Der letzte Traum des Traumfängers

Julio Cesar spielt in die MLS für Toronto FC. Ganz sicher ein sportlicher Rückschritt im Vergleich zu Premier League und Serie A. Doch für den Torhüter, seinen neuen Club und auch die brasilianische Nationalmannschaft könnte es genau die richtige Entscheidung gewesen sein. Ein letztes Mal könnte Cesar zum „Traumfänger“ werden.

Die Stimme von Roberto Scarpini überschlug sich vor lauter Begeisterung und Erregung fast. „L’Acchiappasogni“, brüllte der Kommentator des Inter Channel in sein Mikrofon. Gemeint war Inter-Keeper Julio Cesar, der seinem Club gerade wieder einmal mit einer tollen Parade einen großen Sieg gesichert hatte. Einen besseren Spitznamen als „Traumfänger“ hätte er dem brasilianischen Torhüter gar nicht verpassen können.

Kein Begriff umschreibt besser, was Cesar zwischen 2005 und 2010 im Tor für Inter bedeutete. Er hielt die Titel fest, von denen die Nerazzurri teilweise seit 45 Jahren träumten. Kein Begriff erklärt aber auch seinen eigenen Lebensweg, sein Streben nach Erfolg treffender. „Wenn du Träume hast, dann kann alles passieren“, sagte er selbst einmal im Interview mit der Daily Mail einen Satz, der durchaus sein persönliches Mantra sein könnte. In seinem ganzen bisherigen Leben ging es immer um Träume.

Ein gelebter Traum bei Inter Mailand

Raus aus den einfachen Verhältnissen seiner Kindheit in Rio de Janeiro, ein Model heiraten, ein weltweit bekannter und mit Titeln dekorierter Torhüter werden – alles erreicht, dank enormen Einsatzes und trotz einiger Rückschläge. Mit Inter gewann er alle nur erdenklichen Titel: fünfmal den Scudetto (2006 bis 2010), dreimal die Coppa Italia (2006, 2010, 2011), viermal die Supercoppa (2006, 2007, 2008, 2009, 2010) und je einmal die Champions League und die Club-Weltmeisterschaft (beide 2010).

Persönlich wurde er zweimal zum besten Keeper der Serie A (2009, 2010) und einmal zum besten Torwart der europäischen Champions League (2010) gewählt. Als Nationaltorhüter gewann er mit Brasilien zudem dank stahlharter Nerven im Elfmeterschießen die Copa America (2004) und zweimal den Confed Cup (2009, 2013). Nur eins blieb Cesar bisher verwehrt: der Gewinn des Weltmeistertitels. Diesen Pokal in den Himmel zu strecken, noch dazu vor den eigenen begeisterten Fans, ist der letzte große Traum des mittlerweile 34-Jährigen, den er mit dem ganzen Land teilt.

Rückschläge drohen WM-Traum platzen zu lassen

Ein Traum, dessen Erfüllung in den letzten Jahren mehrfach schon stark gefährdet schien. Ausgerechnet auf dem Weg zur WM häuften sich die Rückschläge. Inters nach dem Triple-Gewinn 2010 einsetzende Erfolgslosigkeit, der Sparzwang, dem die Nerazzurri im Hinblick auf das Financial Fairplay der UEFA unterworfen waren und auch Julio Cesars eigene Schwächephase forderten ihren Tribut. Erst setzte der Club ihm Samir Handanovic vor die Nase, dann wollte man seine Bezüge kürzen.

„Ich sag es offen, ich bin schließlich kein Heuchler: Aber dem hätte wohl kein Spieler in meiner Situation zugestimmt“, erklärte er der Daily Mail seine Flucht im Sommer 2012 aus Mailand nach London zu den Queens Park Rangers. Hier boten sich ihm zwei neue Träume: ein Stammplatz in einer der besten Ligen weltweit, um sich für den Kader der Selecao bei der WM 2014 zu empfehlen, und die Chance, mit dem von Investor Tony Fernandes finanziell extrem gepushten Club große Ziele zu erreichen und in den Kreis der englischen Topclubs vorzustoßen.

„Ich glaube, dass wir in zwei, drei Jahren dort angelangt sein können“, glaubte er kurz nach der Unterschrift unter einen Vierjahresvertrag gegenüber Sky Sports. „Für mich wäre das, als würde ich die Champions League noch einmal gewinnen.“ Doch zumindest dieser große Traum zerplatzte. QPR stieg ab. Fortan zog Coach Harry Redknapp Rob Green auf der Torhüterposition vor und verbannte den Brasilianer in der Sommerpause erst auf die Ersatzbank, später sogar auf die Tribüne – obwohl QPRs Sturz in die Zweitklassigkeit am allerwenigsten Cesars Leistungen anzulasten war.

Ausmusterung durch Harry Redknapp

„Er mag einfach keine Südamerikaner, vor allem keine Brasilianer“, schlussfolgerte Landsmann Heurelho Gomes laut ESPN, den bei Tottenham unter Redknapp ein ähnliches Schicksal wie Cesar ereilt hatte. Er riet Cesar, sich schnell einen neuen Verein zu suchen, um nicht aus dem Blickfeld von Nationaltrainer Luis Felipe Scolari zu geraten. Schließlich wäre Redknapp niemand, der seine Meinung über einen bereits ausgemusterten Spieler schnell ändere. Wahrheit oder Dichtung. Cesar blieb jedenfalls draußen.

Ein Wechsel zurück in die italienische Serie A oder auch nach Brasilien scheiterten im Sommer jedoch auch an den Gehaltsforderungen des Keepers. Und ebenso im Winter. Denn welcher finanziell potente Topclub verpflichtet im Januar schon einen Torhüter? Da nutzten auch die Beteuerungen von Redknapp kurz vor Zuschlagen des Transferfensters in Europa nichts. „Er stünde jedem großen Club in Europa gut zu Gesicht“, pries ihn der Coach wie Sauerbier an. Doch niemand schlug zu.

Cesars London-Traum drohte zum Albtraum zu werden, sein noch viel größerer WM-Traum angesichts fehlender Spielpraxis sogar zu platzen. Die Berater arbeiteten auf Hochtouren an einem Leihdeal und taten letztlich vor Saisonstart der Major League Soccer (15. März) den Toronto FC auf – einen Club, der dank mäßiger Leistungen in den letzten Jahren immer unter dem Radar flog und ebenfalls einen großen Traum hat. Ein sportlicher Abstieg im Vergleich zur Premier League und der Serie A? Ganz sicher, aber auch eine Chance, für alle Beteiligten. Denn Toronto will in der MLS endlich durchstarten.

Noch einmal Traumfänger?

Dafür soll neben den ebenfalls frisch verpflichteten und sehr erfahrenen Michael Bradley (Roma) und Jermain Dafoe (Tottenham) nun in seiner dreimonatigen Leihzeit bis zur WM vor allem Cesar mithelfen. Seine Verpflichtung hilft Toronto, in den Fokus zu rücken. Mit seiner Routine soll er dem Team die nötige Stabilität verleihen, die jungen Torhüter im Kader weiterentwickeln, ihnen wichtige Tipps geben und natürlich mit seiner Klasse auch die entscheidenden Bälle halten. Aber auch er selbst profitiert und eventuell sogar die Selecao.

„Es war sehr wichtig für uns, dass Julio Cesar im Hinblick auf die WM in eine wettbewerbsfähige Liga wechselt. Das ist die MLS“, unterstrich Brasiliens Technischer Direktor Alberto Parreira laut bloomberg.com, dass der Wechsel Cesar wohl seinen Stammplatz in der Selecao sichern wird. Beste Voraussetzungen also, um vielleicht ein letztes Mal zum Traumfänger zu werden. Für Toronto, sich selbst, die Nationalmannschaft Brasiliens und eigentlich das ganze Land, das darauf giert, endlich die Schmach von 1950 vergessen zu machen.

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